Das Vogelhäuschen
von sarah_frozen

Das Vogelhäuschen

Glitzernd weißer Schnee lag auf dem kleinen Dach des hölzernen Häuschens. Er funkelte im morgendlichen Sonnenlicht.
Der starke Schneefall von gestern Nacht hatte aufgehört und so kam es, dass nun auch das erste Vögelchen auf dem Holzhaus Platz nahm. Neugierig lugte es kopfüber in sein Inneres, denn dass es an diesem Ort stand, war ihm neu. Vorgestern noch hatte das Vögelchen hier auf der Fensterbank gesessen und hinunter auf den Hof des alten Hauses geschaut. Nun stand dort dieses Gebilde aus Holz.
Es sah beinahe so aus, wie ein kleineres dieser Häuser, in denen die rosafarbenen Wesen wohnten, doch konnte der Vogel keinen dieser unter dem Dach erkennen. Dafür erregte etwas Anderes seine Aufmerksamkeit: In der Mitte des Raumes lagen unzählige Samenkörner, als hätten sie nur auf das Vögelchen gewartet, dass es kam und sie fraß.
Über diesen Anblick freute es sich ungemein, da es durch den vielen Schnee schwer war, gutes Futter zu finden. Seit zwei Tagen hatte der kleine braune Vogel nichts Richtiges mehr gegessen und so stürzte er sich freudig auf die Körnchen, Samen und Nüsse. Es schmeckte gut und füllte seinen kleinen Bauch rasch.
Als er fertig damit war, nach den Körnern vor ihm zu picken, rief er zwitschernd seine Freunde herbei, damit sich auch diese an dem Futter erfreuen konnten.
Augenblicklich flatterten weitere Vögel herbei und sie Nachricht davon, dass hier ein kleines Häuschen mit Körnern darin stand, verbreitete sich schnell.
Mit freudigen Blicken beobachtete die alte Dame das bunte Treiben vor ihrem Fenster.
Zuerst war es nur ein Vogel gewesen, der sich in ihr neues Futterhaus getraut hatte, doch er schien seine Kameraden gerufen zu haben, denn nach einiger Zeit flatterten weitere Spatzen herbei und pickten das Korn, welches ihr der nette junge Mann von nebenan geschenkt hatte. Auch das Vogelhaus war von ihm.
Gestern Nachmittag kam er vorbei, mit dem Haus unter seinem Arm, lächelte sie an und fragte, ob sie es haben wolle. Er hätte keine Verwendung dafür. Dankend hatte sie angenommen. Der junge Mann war noch so nett gewesen und hatte es ihr vor einem ihrer Fenster, aus dem sie am Liebsten in die winterliche Welt hinausschaute, aufgestellt.
Aufgefüllt mit einer Mischung verschiedenster Samen und Nüsse stand es nun da.
Der Blonde hatte ihr gestern noch angeboten, regelmäßig neues Futter für die Vögel vorbeizubringen, da die alte Frau selbst nicht mehr so gut zu Fuß war. Dieses Angebot hatte sie natürlich dankend angenommen.
Mittlerweile hüpften viel mehr Vögel auf dem Haus herum, als nur die kleinen Spatzen. Farbenfrohe Meisen, Rotkehlchen und sogar einen Buntspecht konnte sie beobachten.
Nur zu gern hätte die grauhaarige Dame das Fenster geöffnet und die Vögelchen von nahem betrachtet, doch sie hatte Angst, die kleinen Tiere dadurch zu verschrecken. Also beließ sie es fürs Erste dabei, hinter der klaren Scheibe zu sitzen und zu beobachten, wie die Vögel auf und ab hüpften.
Bald schienen alle Tierchen satt zu sein und flogen davon.
Die greise Frau verspürte leichte Enttäuschung in sich. Sie hoffte nur, dass die Vögelchen am Abend wiederkehren würden, damit sie erneut dem frohen Getümmel zusehen konnte.
Also wartete sie, harrte aus bis zum Ende des Tages und als sich der kleine Spatz wiederholt auf das Dach des Vogelhauses setzte und sich nach und nach auch andere Vögel niederließen, blieb die alte Frau still, um ihre kleinen Freunde nicht zu erschrecken.
Die Zeit verging und es war nicht mehr lang bis Weihnachten. All die Tage hatte die alte Dame am Fenster gesessen und die Vögelchen dabei beobachtet, wie sie eifrig nach den Körnern pickten. Es bereitete ihr größte Freude, dazusitzen und durch die Scheibe zu sehen.
Ab und an war auch der nette Nachbar vorbeigekommen, brachte ihr Körner und Nüsse, schenkte ihr Gebäck oder ging sogar manchmal für sie einkaufen, da sie dies selbst nur noch schwer schaffte.
Nun lag sie in ihrem Bett und dachte über die kleinen Tierchen nach.
Jeden Tag hatte sie mit dem Gedanken gespielt, das Fenster zu öffnen und sich dann dahinter zu setzen, doch sie hatte sich das nie getraut. Zu groß war die Angst, die süßen Vögelchen würden nicht wiederkommen, wenn sie sie verschreckte. Doch sie wollte das Glas zwischen ihnen entfernen, wollte, dass sie keine Angst vor ihr hatten. So beschloss die grauhaarige Frau, das Fenster morgen nicht zu verschließen, wenn die Vögel kamen.
Voller vorfreudiger Aufregung schlief sie schließlich ein.
Nach dem Aufwachen begab sie sich sofort zu dem Fenster, vor dem das Vogelhaus stand. Noch war keiner der kleinen Mätzchen zu sehen.
So geschwind sie konnte, entriegelte die alte Frau das Fensterschloss und schwang dieses beiseite. Dann setzte sie sich auf ihren gewohnten Stuhl und wartete.
In den Ästen sah sie schon die ersten Spatzen sitzen, doch sie trauten sich nicht, näher zu kommen. Die kleinen Tiere schienen zu spüren, dass etwas anders war, als die ganzen Wochen zuvor.
Obwohl es die Vögel nicht verstehen würden, begann die einsame, alte Frau beruhigend auf die Tiere einzureden:
"Habt keine Angst, meine Kleinen!", sagte sie, "Ich bin es, die euch euer Futter gibt. Fürchtet mich nicht! Ich will euch nichts Böses."
Doch trotzdem zögerten sie. Wie sollte es auch anders sein? Natürlich verstanden kleine Vögel die Sprache der Menschen nicht.
"Wenn ihr so nicht fressen wollt, schließe ich das Fenster wieder.", kam sie ihnen, ein wenig betrübt, entgegen.
Gerade wollte sie von ihrem Stuhl aufstehen, um das Fenster zu ergreifen und es wieder zu verriegeln, als der kleine Spatz, der auch der Erste an ihrem Vogelhäuschen war, auf sie zugeflogen kam und auf dem Dach landete, die alte Frau neugierig musternd.
"Ich tu dir nichts.", flüsterte diese.
Als hätte er die Worte verstanden, hüpfte der kleine braune Vogel aus dem Schnee in das Innere des Vogelhauses und fraß das erste Stückchen einer Haselnuss.
Die anderen Flattermänner saßen noch immer in den Bäumen nahe dem Fenster und beäugten neugierig die alte Frau. Bald schon bemerkten diese, dass sie ihnen nicht böse gesonnen war, und einige weitere Vögel trauten sich zu ihrer Futterstelle.
Bis zum Abend hatten sich schließlich alle überwunden und als auch der letzte Piepmatz satt war, lächelte die alte Frau und sprach: "Ich danke euch für euer Vertrauen, meine Kleinen. Ihr macht mich so glücklich, wie ich schon eine lange Zeit nicht mehr war. Vielen Dank."
Dann schloss sie das Fenster und legte sich zu Bett. Am nächsten Morgen würde sie es wieder öffnen und ihre kleinen Freunde würden ihr erneut Gesellschaft leisten.
Sie war nicht mehr allein. Endlich...




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