Der Schild des weisen Mannes
von webqueen

Der Schild des weisen Mannes

Es war einmal ein kleines Dorf, in dem die gewöhnlichsten Menschen lebten, die man sich vorstellen kann. Ob Bäcker, Bauer, Buchhändler oder Tischler – sie alle lebten ihr einfaches Leben und waren damit doch recht zufrieden.
Eines Tages jedoch erreichten Gerüchte das Dorf. Völlig unerhörte Gerüchte allerdings, denn sie handelten von einem blutrünstigen Ungeheuer, das in den Nachbardörfern angeblich sein Unwesen treiben würde. Die Leute behaupteten, es sei der Teufel selbst in Gestalt eines riesigen bärenartigen Ungetüms mit mächtigen Klauen und rasiermesserscharfen Zähnen, der dem, der ihm zu nahe kommen sollte, solche Angst einjage, dass dieser freiwillig den Tod suche. Andere erzählten, das Monster käme des Nachts, um die zu strafen, die unrein im Herzen sind, indem es sie mit einer unendlichen Traurigkeit erfülle, die diese schließlich in den Tod treibe.
Da bisher niemand die Begegnung mit dem Ungeheuer unbeschadet überlebt hatte, gab es viele solcher Erzählungen, allesamt vage und nur mit einer Gemeinsamkeit: Wer auch immer von dem Ungeheuer heimgesucht wurde, nahm sich früher oder später das Leben.
Von solchen Hirngespinsten wollten die Dorfbewohner nichts wissen, und so versperrten sie Augen und Ohren, bis eines kühlen Herbstmorgens die ersten Toten innerhalb der eigenen Mauern das bisher sichere Gerüst ihres Alltags zu erschüttern drohten. Nun doch von einer gewissen Verunsicherung geplagt versammelten sich alle Bewohner des Dorfes in der Dorfkirche, um sich darüber zu beraten, wie sie das Monster – sofern es existierte - loswerden könnten.
Glücklicherweise fand sich schnell jemand, der stark genug schien, es mit dieser Unannehmlichkeit aufzunehmen: Der Gewürzhändler des Dorfes, ein angesehener und durchaus in allem, was er anpackte, erfolgreicher Mann, sollte der Erste sein, der sich für fähig hielt, das Ungeheuer zu besiegen.
Sofort ließen die Dorfbewohner den Dorfschmied die besten Waffen anfertigen. Und als das Monster eines Nachts wieder im Dorf gesichtet wurde, zog der Händler allein mit den Waffen los, denn niemand anderes traute sich, ihn zu begleiten.
Der Händler aber hatte keine Angst, und als sich die riesige, dunkle Gestalt des Monsters über ihn beugte, hob er tapfer seine Waffen und verkündete mit lauter Stimme: „Ich gehöre zu den reichsten Männern des Landes, bin der angesehenste Gewürzhändler weit und breit und der beliebteste Junggeselle hier im Dorf. Niemals würde ich sterben wollen. Ein Ungeheuer wie du kann mir nichts anhaben. Nur zu, lass uns sehen, wer stärker ist!“
Und so kämpfte er, bis die Dunkelheit ihn verschlang.
Am nächsten Morgen war der Gewürzhändler verschwunden. Das Schlimmste befürchtend suchten die Dorfbewohner den ganzen Tag lang nach ihm, bis sie ihn am Abend schließlich einsam an einem Bächlein sitzend fanden. Erleichtert brachten sie ihn nach Hause und wollten ihn pflegen. Bald aber verflog die anfängliche Freude, denn weder antwortete der Händler auf ihre gespannten Fragen, noch verzog er überhaupt irgendeine Miene.
Auch in den nächsten Wochen besserte sich sein Zustand nicht. Man bekam ihn nur noch selten zu Gesicht, nicht einmal für seine Geschäfte verließ er das Haus. Die Dorfbewohner verstanden ihn nicht und sahen verblüfft zu, wie der einst angesehenste und reichste Mann des Dorfes nicht nur sich selbst, sondern allmählich auch sein Vermögen verlor. Und als er nichts mehr hatte, fasste der Gewürzhändler – sofern er noch einer war - einen schrecklichen Entschluss. Er setzte seinem Leben ein Ende und das Ungeheuer kehrte in das Dorf zurück.
So musste sich das Dorf - erschüttert durch die Erkenntnis, dass all die lächerlichen Geschichten tatsächlich der Wahrheit entsprachen - erneut versammeln, um einen weiteren Angriff zu planen. Diesmal war es jedoch deutlich schwerer, Freiwillige zu finden. Zur Erleichterung aller trat nach einigem Hin und Her schließlich ein Mann mittleren Alters hervor, der sich schweren Herzens von seiner bangenden Familie trennte. Er wurde mit neueren, besseren Waffen ausgestattet und als das Monster in jener Nacht wieder im Dorf gesichtet wurde, zog der Familienvater mit den Waffen allein los, denn niemand anderes traute sich, ihn zu begleiten.
Er aber hatte keine Angst, und als sich die riesige, dunkle Gestalt des Monsters über ihn beugte, hob er tapfer seine Waffen und verkündete mit lauter Stimme: „Ich bin der glücklichste Mann auf Erden, denn ich habe die schönste Frau der Welt und Kinder, die ich mehr als alles andere liebe. Ich mag nicht reich an Schönheit oder Geld sein, aber an der Liebe fehlt es mir nicht, und Liebe ist das Wertvollste auf der Welt, denn allein sie ist unendlich. Niemals würde ich sterben wollen. Ein Ungeheuer wie du kann mir nichts anhaben. Nur zu, lass uns sehen, wer stärker ist!“
Und so kämpfte er, bis die Dunkelheit ihn verschlang.
Am nächsten Morgen war der Familienvater verschwunden. Auch nach ihm mussten die Dorfbewohner den ganzen Tag lang suchen, bis er am Abend einsam unter einer Trauerweide sitzend gefunden wurde. Seine Frau weinte vor Erleichterung und brachte ihn umgehend nach Hause, um ihn zu pflegen. Doch - so sehr sie sich auch um ihn kümmerte- ihr Mann war von diesem Tag an nicht mehr derselbe. Denn weder zeigte der einst so liebevolle und fürsorgliche Vater und Ehemann Interesse an ihr, noch an seinen Kindern, noch an irgendetwas anderem. Er saß einfach nur da und wenn er etwas zu fühlen schien, dann war es jedenfalls nichts Gutes. Seine Frau verstand nicht, was mit ihm los war. Sie wurde wütend und meinte, dass er sich wenigstens für seine Kinder mehr Mühe geben sollte, glücklich zu sein. Und nach einigen Wochen packte sie ihre Sachen, nahm die Kinder mit sich und verließ ihn.
So hatte der Familienvater – sofern er noch einer war - alles verloren und er fasste einen schrecklichen Entschluss. Er setzte seinem Leben ein Ende und das Ungeheuer kehrte abermals in das Dorf zurück.
Als das Ungeheuer am nächsten Tag wieder gesichtet wurde, brach das Dorf in Panik aus, denn es hatte sich noch niemand gefunden, der sich ihm dieses Mal freiwillig stellen würde. Und so waren die Bewohner umso erstaunter, als sie den verrückten Dorfalten -allein, unbewaffnet und in nichts weiter als seine schmutzigen, abgewetzten Kleider gehüllt - zu der Stelle gehen sahen, an der sich das Monster befand. Schnell fanden sich ein paar Schaulustige, die sich nicht entgehen lassen wollten, den armen alten Mann den Helden spielen zu sehen. Nur der Schmied fand keinen Gefallen mehr an ihren Pöbeleien, denn er wusste, dass der Alte ihre letzte Hoffnung war.
Nach weniger Zeit wurden die ersten rauchigen Ausläufer des Ungeheuers erkennbar und die kleine Menschenmenge bekam Angst und wagte sich nicht weiter vor. Allein der Alte fürchtete sich nicht. Er ging als Einziger weiter und als sich die riesige, dunkle Gestalt des Monsters über ihn beugte, hob er tapfer einen winzigen goldenen Schild hoch, den der Dorfschmied ihm gemacht hatte, und sagte mit sanfter Stimme:
„Einst war ich der angesehenste Mann hier im Dorf. Ich hatte eine wundervolle Familie, die ich über alles liebte und auch an Geld hatte es mir nie gefehlt. Doch eines Tages wurde ich krank und konnte meine Familie nicht mehr versorgen. Meine Frau verließ mich zusammen mit unseren Kindern. Ich verlor all mein Geld und bald hatte ich nichts mehr und musste auf der Straße leben. Niemand hier im Dorf wollte mir helfen und schließlich war ich nicht mehr, als ein kranker, dreckiger, alter Mann, der auf der Straße lebte. Doch während meines Alleinseins habe ich vieles gelernt. Ich lernte, meiner Frau dafür zu vergeben, dass sie mich verlassen hatte, ich lernte, Gott zu vergeben, dass er all das, was mir widerfahren ist, zugelassen hat. Ich lernte, dankbar für das zu sein, was mir geblieben war, so wenig es auch zu sein schien. Und vor allem lernte ich, mich selbst zu lieben und wie stark diese Art von Liebe sein kann.“
Der Alte hob die Hand, als wolle er das Ungeheuer streicheln, das gebannt seinen Worten lauschte. Als er wieder die Stimme hob, schwang in jedem seiner Worte die Liebe mit, von der er gerade gesprochen hatte:
„Ich weiß, was du bist. Du bist Teil dieser Welt, sowie du einst ein Teil von mir warst. Die Männer, die dich besiegen wollten, haben ihr Leben lang Ansehen für Geliebtwerden gehalten und Dunkelheit mit Schatten verwechselt. Ich hingegen habe Jahre lang in diesen Schatten gelebt und der Sonne, die sie machte, meine Liebe geschenkt. Du siehst also, warum du mir nie etwas anhaben konntest; ich habe gelernt, mit dir zu leben.“
Während der Alte diese Worte sprach, wurde der Schild in seiner Hand immer größer, bis er das gesamte Dorf in seinen Schutz nahm. Ein paar Sonnenstrahlen trafen auf die glatte, goldene Oberfläche des Schildes und wurden auf das Monster zurückreflektiert. Die Strahlen brannten Löcher durch seinen Körper und bald löste sich das gefürchtete Ungeheuer in von goldenem Licht durchtränkten Nebel auf, der immer höher stieg und schließlich kleine Wölkchen am Himmel bildete.
Von diesem Tag an wurde der Alte nur noch „Der weise Mann“ genannt. Er teilte sein Wissen mit den Dorfbewohnern und wurde im Gegenzug von ihnen wie ein verloren geglaubter Vater aufgenommen. Noch lange nach seinem Tod wurden seine Lehren weitergegeben und wenn die Wolken am Himmel dichter und dunkler wurden, versammelte sich das Dorf und man erzählte sich von dem weisen Mann, der die Liebe in das Dorf zurückgebracht hatte.




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