Die Eule im Schnee – ein modernes Märchen
von dortmundfan1001

Die Eule im Schnee – ein modernes Märchen

Irgendwo in einem Land mit hohen Bergen lebte ein junges Mädchen bei ihren Eltern. Wie alt sie war, wie groß sie war, wie mutig, schüchtern, blond, dick, aufgeweckt oder schlau ist ganz allein eurer Fantasie überlassen.
Es war Winter, die Tage waren kurz, die Nächte lang und es schneite fast jeden Tag. Eines Tages, nach einem deftigen Abendessen bei knisterndem Kaminfeuer wurde sie in der wohligen Wärme müde und schlief fast im gemütlichen flauschigen Sessel ein. Das Fernsehprogramm ihrer Eltern lief aber so laut und vor allem die Werbung war so störend, dass sie lieber in ihr Zimmer ging und es ein Stück weit öffnete, um den Geräuschen der Natur zu lauschen.
Bevor sie ihre Augen schließen wollte, sah das Mädchen vor dem Fenster ihres Zimmers Glühwürmchen, die wild umhertanzten - eines schneller als das andere. Sie tänzelten so wunderschön in den buntesten Farben, dass das Mädchen am liebsten aus dem Fenster steigen wollte.
Der Drang wurde so stark, dass sie einfach hinausgehen musste. Als sie ihr rechtes Bein aus dem Fenster schreckte, zuckte sie instinktiv zusammen, kurz bevor ihr Fuß den Schnee berührte. Umso überraschter war sie, als sich der Schnee plötzlich wie ein Meer aus angenehm warmen Wattebäuschchen anfühlte. Schließlich stand sie auf dem langen Feldweg, der durch den Vollmond hell erleuchtet war. Sie ließ das Haus weit hinter sich und folgte nur den tänzelnden Lichtern. Als das alte Bauernhaus ihrer Eltern schon hunderte Meter zurücklag, sah sie nur noch einen kleinen Lichtpunkt am Horizont - vor ihr, der dunkle Wald. Die Bäume am Waldrand sahen aus wie uralte Riesen, die ein Jahrhunderte altes Geheimnis hüteten.
Es blitzte etwas auf. Im Baum raschelte es. Zwei kugelrunde gelbliche Augen starrten sie an. Vor Schreck fiel das Mädchen fast in den Schnee. "Keiheine Angst. Ich bin nuhur ein alter Kauz. Ich tue dir nichts!". Die Stimme klang alt und beschützend, nach vielen Erfahrungen - fast so wie die Stimme einer lieben Großmutter.
Die weise Eule machte "hu hu" und ihre Augen leuchteten heller als der Mond. "Ich möchte dir etwas zeigen", sagte sie, "etwas, mit dem du so gut sehen kannst wie ich". Dem Mädchen war ganz mulmig zumute, aber dennoch wollte es nicht weglaufen. Sie hatte keine große Angst mehr, was sie selbst nicht begriff.
Die Eule flatterte auf die unteren Äste, streckte ihr die Flügel entgegen und schuhute: "Kohomm mit". Das Mädchen fixierte die Eule und näherte sich Schritt für Schritt, wobei sie unsicher einige Blicke in den Wald warf und sich einbildete, hunderte rote Augenpaare der dunkelsten Geschöpfe zu sehen. "Kohomm näher".... Als sie schließlich wenige Schritte vor der Eule stand, sah sie die Eule deutlicher: die Federn war grau und etwas zerzaust, ihr ganzer Vogelkörper war knuffig weich und rund.
Sie öffnete wieder den krummen Schnabel und krächzte: "Gihib mir dein Hand..." - und sie tat es.
Plötzlich zog die ganze letzte Woche an ihr vorbei: die Jungs, die sie immer hänselten und ihr sogar kurz vor der Klassenarbeit alle Stifte versteckten, die Kaminabende vor dem Laptop mit dem Marmeladenoma-Stream und die gemütlichen Stunden mit einem warmen Kakao und einem Buch nach der Schule im Bett.
Dann flog sie über viele Länder und Ozeane, bis sie in einem sehr reichen Land landete, in dem es Hochhäuser aus Gold gab und nur die luxuriösesten Autos fuhren, zehnmal so luxuriös, wie ihr sie euch vorstellen könnt. Sie spazierte durch die Straßen und überall gab es Reichtum zu sehen - die Menschen trugen auch die teuersten und elegantesten Kleider - hundertmal so teuer und so elegant, wie ihr sie euch vorstellen könnt. Als sie durch die Straßen wanderte, merkte sie, dass jeder der vielen Männer und Frauen allein seiner Wege ging, niemand lächelte sie an und alle ignorierten sie. Sie waren alle so beschäftigt, mit ihren Handys Geschäftstermine auszumachen, in ihren Pausen teures Essen in Restaurants in sich hineinzuschaufeln und dann wieder schnell zur Arbeit zurückzulaufen, dass niemand merkte, dass ein junges Mädchen im Schlafanzug allein durch die Straßen tapste.
Nur eine kleine flinke Ratte schaute schnuppernd aus einer Regenrinne hervor und machte das Mädchen durch ihr lautes Quieken auf sich aufmerksam. Sie war in etwa so grau wie die Eule, aber flink und quietschmunter. Als sie hervorkroch, zeigte sie ihren langen Schwanz (von dem jeder halten mag, was er will), ihre niedlichen Ohren und ihr weiches Fell. Je näher sie der Ratte kam, umso größer wurde die Ratte und umso näher kamen ihr die Gehwegplatten. Sie wurde sogar so klein, dass sie der Ratte durch die Löcher des Kanaldeckels folgen konnte. Die Ratte sprach: "Komm mit, ich zeige dir meine Familie - wir gehören alle zusammen!".
Das Mädchen lief durch nie enden wollende Tunnel und Röhren, bis sie einen großen Trubel hörte: Huschen, Quieken und Schmatzen.
Plötzlich sah sie hinab in eine große Halle, in der ein Festmahl stattfand. Ihr fiel sofort auf, dass alles gerecht geteilt wurde: Vorne teilten sich zwei Ratten eine Pommes, ein Stück weiter hinten nagten vier an einem großen Salatblatt, das wohl jemandem vom Brötchen gefallen ist.
Es war nicht besonders sauber, aber auch nicht so dreckig, dass sie sich unwohl fühlte.
Die kleinen Ratten spielten zusammen muntere Spiele und maßen sich darin, wer am besten klettern, sprinten oder nagen konnte.
Die Älteren beredeten die Neuigkeiten aus der Stadt und planten die nächsten Orte, an denen sie viel Essbares einsammeln konnten, ohne dabei durch die Menschen in Todesgefahr zu kommen.
Die Ratte, mit der sie heruntergekommen war, sagte dann: Jetzt kennst du unser Leben. Oft lassen die Menschen aus Versehen Münzen zu uns in die Kanalisation herabfallen - aber wir brauchen es nicht, denn das Glück der Ratten kann man nicht kaufen.“
Wie durch einen großen Staubsauger angezogen, zog es sie plötzlich nach hinten durch etliche Kanalsysteme in einer atemberaubenden Geschwindigkeit zurück an die Oberfläche. Ihr war mächtig schwindelig und der Schädel brummte.
Auf dem Gehweg hörte sie plötzlich wieder ein lautes "Schuhu" und die Eule mit ihren leuchtenden Augen flog in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit auf sie zu und packte ihre Hand: Das Mädchen flog hoch zwischen die Wolken, bis sie die Stadt nur noch an den in der gleißenden Sonne blinkenden Häusern erkennen konnte.
Nach einem weiteren langen Flug landete sie in einem Park, wieder in einer großen Stadt. Sie sah viele Menschen joggen, trainieren und posieren. An den Häuserwänden der nahen Gebäude waren große Plakate zu sehen, die für die neueste Mode, das neueste Parfüm und das neueste Shampoo geworben wurde. Die Männer waren muskulös und sportlich: Zehnmal muskulöser und sportlicher als du es dir vorstellen kannst und die Frauen waren perfekt geschminkt, hundertmal perfekter als du es dir vorstellen kannst. Hinter einem Busch belauschte das Mädchen das Gespräch von zwei jungen Männern auf einer Parkbank: "Schau dir dieses Bild an", er zeigte auf sein Handy. "Das ist meine Freundin. Ihr Bild gefällt schon 190 Leuten"; darauf der andere: "Meine sieht so gut aus, die hat schon 6000 Follower". Plötzlich joggte ein Mädchen vorbei, die eifrig und verbissen ihre an diesem Tag gelaufenen Meter zählte: "1800, 1810...", um irgendwann wohl so sportlich auszusehen, wie die auf den Plakaten.
Plötzlich vernahm das Mädchen ein leises "Wuff" von hinten. Ein hübscher Golden Retriever stand da am Metallzaun, der den kleinen Stadtpark abgrenzte und wedelte fröhlich und begeistert mit dem Schwanz. In seinem Maul hatte der Hund einen Ball, der er ihr vor die Füße legte. Sie warf den Ball hinter eine Hecke und folgte dem Hund dorthin. Dort lag im saftigen Gras eine Dalmatinerdame mit vielen vielen Punkten. Der Golden Retriever legte sich zu ihr, kuschelte sich bei ihr ein. Die Dalmatinerdame erklärte: "Er liebt mich nicht trotz meiner vielen Punkte, sondern genau deswegen: Weil ich so bin, wie ich bin und nicht wie die anderen Hunde - denn die Liebe und Treue der Hunde kann man nicht in Zahlen messen".
Als das Mädchen die beiden Hunde streicheln wollte und ihr fast vor Rührung die Tränen kamen, machte es "schuhu" vom Baum nebenan. Die Eule winkte: "Eines werde ich dir noch zeiheigen. Du musst bald nach Hause. Deine Eltern machen sich noch Sohorgen..."
Plötzlich drehte sich alles im Kreis, eine rasche Folge von Bildern flackerte vor ihrem Auge. Kurz bevor sie es nicht mehr aushalten konnte und ihr schwarz vor Augen wurde, wachte sie in einem dichten Dschungel auf. Es war warm und feucht.
In einem Kreis saßen auf mehreren Baumstämmen sieben Affen: Es waren dicke Orang-Utans, die sich lauthals beschwerten, zehnmal empörter und hundertmal böser als du es dir vorstellen kannst: "Überall machen sich die Schimpansen breit. Letztens hab‘ ich erst einen von den Burschen erwischt, wie er aus dem Vorrat unseres Stammes die Bananen klauen wollte!". Der andere entgegnete: "Ich habe sogar von Schimpansen gehört, die unsere Nester zerstören wollen!“ Der dritte darauf: "Grundsätzlich habe ich ja nichts gegen die Schimpansen, ABER...".
Von diesen lauten Gesprächen hatte das Mädchen bald genug und es ging weiter gemächlich durch den Urwald. Immer, wenn sie zu schnell wurde, machte es sich durch eine neue Schwitzattacke durch die warme und feuchte Luft bemerkbar. Es war fast so wie in der Sauna. Sie ging weiter und weiter, bis plötzlich:"Törööö" - auf einer Lichtung vor ihr sah sie einen großen alten Elefanten. Er sagte: "Ich kenne die Geschichte des ganzen Waldes hier und hätte dir so viel zu erzählen, dass du noch mit 90 Jahren mir zuhören könntest. Wir Elefanten haben nämlich das beste Gedächtnis von allen Tieren." Das Mädchen erzählte von dem Konflikt zwischen Schimpansen und Orang-Utans. Da schnaubte der Elefant nur mit dem Rüssel: "Ob Orang-Utan oder Schimpanse, es sind alles nur Affen und die machen im Moment einen Affenzirkus! Ich bin ein friedlicher Elefant, doch den Frieden der Elefanten kann man nicht mit Mitteln der Affen erreichen.“
Als das Mädchen antworten wollte, wurde ihr plötzlich ganz schwindelig und sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Die schwüle Luft des Dschungels machte ihr zu schaffen. Ihr wurde schwarz vor Augen.
Als sie wieder aufwachte, lag sie wieder im watteweichen Schnee. Der Lärm der Dschungel-Geräusche war weg und die angenehme magische Stille eines verschneiten Januarabends war zurück. Das Mädchen öffnete die Augen und schaute direkt in die großen Kulleraugen der Eule, die auf einem Ast zu ihr herabschaute. Die Eule sagte: „Das war deine Lektiohon für heute. Auch wenn du es alles noch nicht ganz begriffen hast, hast du heute viel mehr gelehernt, als an so manchem Tag in der Schuhule…“
Als die Eule gen Mondlicht davonflog, war das Mädchen fast etwas traurig, aber so todmüde, dass sie auf der Stelle einschlief.
Am nächsten Morgen wachte sie in ihrem Bett im Zimmer wieder auf, ohne sich erklären zu können, was passiert war: War alles nur ein Traum? Das ist nun eure Entscheidung, liebe Zuhörer, wie so vieles es ist. Es steht in eurer Macht, die Welt zu einem märchenhafteren Ort zu machen und ihr könnt mit all euren Taten dazu beitragen.
(Die Inspiration für dieses Märchenb kam mir bei einem abendlichen Spaziergang in den österreichischen Alpen. Es ist mein erster Versuch als Märchenschreiber, bzw. Geschichtenschreiber insgesamt. In dem Märchen sollen sich ein paar Themen wiederfinden, die mir an der heutigen Gesellschaft Sorgen bereiten.)




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auctrixmundi schrieb am 29.01.2018:

Hallo, das ist ein sehr schönes Märchen, das so einige Punkte aufgreift, die nicht ganz richtig laufen heutzutage. Besonders schön finde ich diese Stelle: "Auch wenn du es alles noch nicht ganz begriffen hast, hast du heute viel mehr gelehernt, als an so manchem Tag in der Schuhule…" Es ist ei