Die Gedanken der Freiheit
von herr_snyder

Die Gedanken der Freiheit

Die Gedanken der Freiheit.
Die Erfüllung der Sinne.
Der Lauf der Zeit
Der Klang der Tiere.
Das Rascheln der Blätter.
Das Rauschen der Bäume.
Seitdem ich im Rollstuhl sitze, habe ich den Wald nie wieder betreten. Der Wald war für mich schon immer von großer Bedeutung, sei es als Kind zum Pilzesammeln mit den Großeltern oder als Jugendlicher zum zurückziehen, nachdenken, allein sein. Ich liebte es im Herbst durch den Wald zu spazieren, mich und die Welt einfach loszulassen.
Das Rauschen der Bäume zu hören, wie der Wind durch ihre Wipfel weht und das Laub zum Fallen bringt.
Das Rascheln der Blätter, wenn man langsamen Schrittes durch den dunklen Wald spaziert.
Den Klang der Tiere, wenn ein Specht laut an einem Baum mit seinem Schnabel Futter sucht oder wenn ein Eichhörnchen flink über den mit Laub bedeckten Waldboden wuselt und nach Nüssen ausschau hält.
Wie gern wäre ich jetzt dort.
Ich würde den ganzen Tag damit verbringen die Natur zu betrachten, ihr zu lauschen.
Doch stattdessen sitze ich hier, in einem Haus mit 16 Etagen und 10 Wohnungen pro Etage, in einem Haus das soviele Menschen fasst, wie ein kleines Dorf. Ich wünschte es wäre ein Dorf, mit vielen kleinen Häusern, Gärten und Wiesen. Mit freundlichen Nachbarn, Menschen die man kennt und mag und solchen denen man lieber aus dem Weg geht. Aber hier kennt man sich nicht, man geht sich nur aus dem Weg. Wenn man aus dem Haus geht und jemanden trifft, wechselt man lediglich ein “Hallo”, ein “Guten Morgen” oder “Guten Abend” und jeder geht seines Weges. Nichts erinnert an ein Dorf oder an eine Gesellschaft. Es ist als wäre jeder in einem Gefängnis und ist dort sowohl Wärter als auch Gefangener. Jeden Tag schleppt man sich über den Beton zum Aufzug, vom Aufzug zur Tür und von der Haustür in die Welt. Und jeden Abend kehrt man zurück zur Haustür, zum Aufzug, in die Wohnung. Jeder achtet darauf am Abend wieder schön in seiner Zelle zu sein, um sich selbst einzuschließen, um sich vor dem Fernseher, dem PC oder einer Konsole zu entspannen. Nur damit man am nächsten Tag wieder dasselbe verrichtet. Bis zum Wochenende, dann versucht jeder möglichst der Gefangene zu bleiben oder man sucht nach der nächstgelegenen Feier, um sich aus dem Alltag zu katapultieren. Um am nächsten Tag mit Kopfschmerzen aufzustehen und sich zu schwören nächstes Wochenende zuhause zu bleiben. Und ich kann nichts anderes machen, als hier zu sitzen, die Menschen zu beobachten und mich in meine Kindheit zu träumen, in die Zeit in der ich laufen konnte, springen und herumtollen. Denn aus dieser Wohnung komme ich nicht, ich bin auch ein Gefangener. Ohne die Hilfe eines anderen komme ich nicht aus dem Haus und selbst dann bin ich darauf angewiesen, dass mich jemand schiebt. Ich will nicht sein wie andere, will nicht in der Wohnung weilen und nur zum Einkaufen, Arbeiten und Feiern nach draußen gehen. Ich will die Freiheit spüren, sie genießen, nutzen und doch kann ich es nicht. Deshalb träume ich mich in die Vergangenheit, nicht weil ich die Gegenwart nicht ertrage, sondern weil ich sie nicht leben kann wie ich es will. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich nicht mehr laufen kann und auch, dass, wenn es so weitergeht, ich in 3-5 Jahren nicht mehr allein essen kann. Es ist mir egal was aus mir wird oder wer ich bin. Nur einen Wunsch habe ich:
“Ich möchte nur noch einmal frei sein!”




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