Die Goldschale
von daniel130404

Die Goldschale

Es war einmal ein Fischer, der zog eines Tages in der Stadt herum und bot seine Fische feil. Da kam ein Händler zu ihm, und fragte ihn: »was verlangst du für deine Fische?« und jener sagte lachend: »so viel als sie wert sind.« Da fragte der Mann: »hundert Piaster?« und der Fischer wiederholte: »soviel als sie wert sind.« Darauf bot ihm der Händler zweihundert Piaster, und nun bedachte sich der Fischer nicht länger, sondern nahm die zweihundert Piaster und gab dem Juden die Fische. Bevor sie aber auseinander gingen, sagte ihm der Mann: »wenn du wieder Fische gefangen hast, so bringe sie mir.«<br /> Am anderen Tage brachte also der Fischer dem Mann seinen ganzen Fang, und dieser fragte wieder: »was verlangst du für deine Fische?« und jener erwiderte: »so viel als sie wert sind.« Da bot ihm der alte Mann zuerst hundert Piaster, dann zweihundert, dann fünfhundert, dann tausend; der Fischer aber antwortete stets: »soviel als sie wert sind«, bis ihm der Greis fünftausend Piaster bot. Dafür schlug er sie los, und nachdem ihm der Griesgram das Geld zugezählt hatte, sprach er: »wenn du wieder Fische hast, so bringe sie mir.« Der schlaue Herr bezahlte aber die Fische so teuer, weil er wusste, dass sie Diamanten enthielten.<br /> Am anderen Tag fing der Fischer eine schöne Palamide und sprach: »die soll der Jude nicht bekommen, mit der will ich mir selber einmal gütlich tun.« Als er nun den Fisch ausnahm, fand er in seinem Bauche eine goldene Schale und steckte sie zu sich. Darauf lud er ein paar Freunde ein und verzehrte mit ihnen den Fisch, und dabei tranken sie anfangs den Wein aus Gläsern; nachdem sie aber abgegessen hatten, zog der Fischer die Schale hervor, füllte sie mit Wein, und als er diesen getrunken hatte, füllte sich die Schale von selber mit Goldstücken. Er leerte das Gold vor sich auf den Boden und gab nun den anderen aus der Schale zu trinken, und so oft sie sie leerten, füllte sich diese mit Gold.<br /> Da begriff der Fischer, dass er nun ein reicher Mann geworden sei, und weil er ein großer Musikliebhaber war, so verlegte er sich von nun an auf das Zitherspiel, und lernte sie so schön spielen, daß jeder der es hörte, davon ergriffen wurde. Darauf kaufte er für sein Geld eine[174] große Masse Waren, zog damit in ein anderes Königreich und eröffnete einen Laden, dem Schlosse des Königs gegenüber. Dieser König hatte eine wunderschöne Tochter, und als derselbe ein großes Fest in einem seiner Gärten vor der Stadt anstellte und die Prinzessin allein im Schlosse war, da nahm der Fischer seine Zither, eine Flasche Wein und seine Goldschale, und ging in den Garten des Königs, setzte sich vor die Fenster der Prinzessin, und fing an auf der Zither zu spielen. Als das die Prinzessin hörte, wurde sie neugierig; sie trat also ans Fenster, um zu sehen, wer so schön Zither spiele, und erblickte einen hübschen jungen Mann, der, wenn er Wein aus seiner Schale getrunken hatte, diese umkehrte und eine Masse Goldstücke vor sich auf die Erde schüttete. Da kam sie in den Garten, ging zu dem Jüngling und fragte ihn: »willst du mir nicht diese Schale schenken?« er aber erwiderte: »du sollst sie haben, wenn ich einmal in deinen Armen schlafen darf.« Da willigte die Prinzessin ein und schenkte ihm eine Nacht, und am anderen Morgen gab er ihr die Schale und sprach: »wenn du schwanger werden solltest und es dein Vater merkt, so komme zu mir und dann wollen wir zusammen in ein anderes Land flüchten.«<br /> Nach einiger Zeit merkte der König, dass seine Tochter schwanger sei, und verstieß sie sofort aus seinem Palast. Da ging sie zu dem Fischer und dieser zog mit ihr in ein anderes Land. Dort ließ die Prinzessin ein schönes Schloss bauen und gebar einen Knaben, und sie blieben fünf Jahre lang in der Fremde. Endlich aber sehnte sich die Prinzessin nach ihrem Vater, und brach mit ihrem Manne auf, um zu sehen, was er mache.<br /> Sie gingen aber nicht sogleich ins Königsschloss, sondern stiegen in einem anderen Hause ab, und richteten sich dort mit großer Pracht ein. Die Prinzessin aber ging in Mannskleidern einher, damit sie nicht erkannt würde. Als der König von den reichen Fremden hörte, lud er sie eines Tages zum Gastmahle ein, und als sie abgegessen hatten, tranken sie den Wein zuerst aus Gläsern, dann aber zog der Fischer die Goldschale hervor, trank sie aus, und schüttete die Goldstücke vor sich hin. Darauf gab er sie seinem Nachbar, und als der getrunken hatte und die Schale umkehrte, fiel auch vor ihm ein Haufen Gold nieder, und so ging es der Reihe nach bei allen Gästen, die am Tische saßen, und als die Schale fünfmal die Reihe um den Tisch gemacht hatte, lagen vor jedem Gaste fünf Haufen Goldes. Als endlich die Tafel aufgehoben wurde und die Gäste sich verabschiedet hatten, da wollte dem alten Könige die Goldschale gar nicht aus dem Sinne kommen. Er fragte also seinen Wesir: »wie hat dir jene Schale gefallen?« und dieser antwortete: »wenn ich die Schale hätte, wozu brauchte ich dann noch das Königreich?«<br /> Da quälte den König der Wunsch, diese Schale zu besitzen, so lange, bis er hinging und seine Tochter bat, ihm die Schale zu schenken. Diese aber erwiderte: »ich kann dir die Schale nur dann schenken, wenn du mir zu Gefallen wirst.« Als nun der alte König darein willigte, und sie zusammen in eine Kammer gingen, da gab sie sich ihm zu erkennen und sprach: »schämst du dich nicht, dich in deinem Alter so für schnödes Gold zu erniedrigen, während du mich, deine Tochter, verstießest, weil ich dem Zuge meines Herzens folgte?«<br /> Als das der König hörte, da freute er sich über die Maßen und machte seinen Schwiegersohn zum König und seine Tochter zur Königin.




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