Die kleine Kastanie
von sarah_frozen

Die kleine Kastanie

Sie wuchs hervor aus einer winzigen Blüte. Klein, weiß und zart war diese im Sommer, als Bienen ihren süßen Nektar kosteten. Freudig summten sie und schwirrten zu Hauf um die kleine Blüte.
Es dauerte nicht lang, da verlor sie ihre Kraft. Die hellen Blättlein wurden schlapp, trockneten aus und fielen schließlich aus großer Höhe zu Boden. An ihrer Stelle entstand eine kleine, grüne Knolle.
Je mehr Zeit verstrich, desto dicker und härter wurde sie. Aus den feinen Härchen, die einst ihre Haut bedeckten, waren nun kleine, biegsame Stacheln geworden. Diese wurden, je größer die Knolle wurde, härter und härter.
Bald schon war der Sommer vorüber. Aus der einst so zierlichen Blüte war nun eine stattliche grüne Kugel geworden, an deren Innenseite mehr und mehr etwas drückte. Es wollte nach draußen, raus aus der schützenden Hülle, um die Welt zu sehen. Es drückte und schob an ihr, wollte die grüne Schicht brechen und schaffte es schließlich.
Zum ersten Mal in ihrem Leben erblickte die Kleine Kastanie das Tageslicht. Sie brauchte noch den Rest des Tages, um sich an den seltsamen Schein zu gewöhnen, der ihr frech das Gesicht kitzelte. Sie spürte, wie er sie wärmte und so bereute sie es nicht, ihren weichen Schutz durchbrochen zu haben. Dieser umhüllte sie noch fast vollständig, doch das störte sie erst einmal nicht. Sie fühlte das Glück, das mit der Wärme des Tages durch ihren runden Körper floss, spürte die Freiheit, die ihr entgegenjubelte.
Dann wurde es Nacht. Staunend betrachtete sie die tausend und abertausend funkelnden Lichter in der Schwärze. Was sie waren wusste sie nicht, aber von der Schönheit, die diese ausstrahlten, wusste sie nun. Noch Stunden starrte sie hinauf zu den hellen Punkten.
Als es erneut tagte, beschloss die kleine Kastanie, sich, soweit es ihr möglich war, umzusehen. Sie bemerkte, dass neben und vor ihr noch mehr braune Früchte in saftig grünen Hüllen hingen, die sich ebenfalls neugierig umschauten. Sie mussten wohl, ebenso wie sie, gerade erst entstanden sein.
Freundlich lächelte sie eine davon an. Es war eine größere, dunklere Kastanie. Trotzdem schmunzelte sie ihr offen zu.
"Hallo Schwester.", sagte diese.
Schwester?, dachte sich die kleine Kastanie, doch sie fragte nicht weiter nach, was die andere damit meinte.
Stattdessen stellte sie die Frage: "Wo sind wir hier?"
Gütig schmunzelte die Größere.
"Wir sind bei unserer Mutter. Sie behütet uns, lässt uns reifen. Sie hält uns fest, bis wir bereit sind, unsere Aufgabe zu erfüllen. Dann werden wir sie verlassen."
"Aufgabe?"
"Ja. Aus jedem von uns wird selbst einmal eine Mutter, wie sie es ist.", erklärte sie geduldig.
Das war neu für die kleine Kastanie. Sie dachte, ihr Leben war dazu da, die hellen, glitzernden Punkte am Nachthimmel zu bestaunen, aber da hatte sie sich wohl getäuscht. Was sagte ihre Schwester gleich? Sie würde eine Mutter werden... Dieser Gedanke gefiel ihr. Kinder zu haben stellte sie sich wunderschön vor...
So träumte die kleine Kastanie eine lange Zeit davon, bis sie eines Tages bemerkte, wie sich ihre Umgebung veränderte. Über Nacht waren die Blätter ihrer Mutter bunt geworden. Rot, gelb, orange und braun. Sie waren nicht mehr so fest, wie noch vor einer Woche.
Verwundert schaute sich die, mittlerweile groß gewachsene, braune Kugel um. Ihre Geschwister hatten im Laufe der Zeit an Größe gewonnen und schimmerten nun in einem rötlichen Braun. Ihre Hüllen hatten ebenfalls die Farbe geändert. Sie waren gelb und schrumplig geworden, die Stacheln weich und schlapp an ihnen herunter hängend.
Während sie sich so umschaute bemerkte sie, dass sich alle ihre Schwestern auf diese Weise verändert hatten, nur sie selbst nicht.
"Es ist an der Zeit, unsere Aufgabe zu erfüllen, Schwester.", meinte die Kastanie ihr gegenüber nur und fiel hinab. Fort von der haltenden Hand ihrer Mutter, hinab auf den Boden.
Die kleine Kastanie schaute ihr erstaunt hinterher. War es das, wofür sie bestimmt war? Würde sie so zu dem werden, wovon sie schon seit Wochen träumte?
Tage vergingen und die Kastanie wartete darauf, dass auch sie diesen wunderschönen, roten Schimmer annahm und ihre Hülle gelb wurde, doch das geschah nicht.
Nach und nach waren ihre Geschwister von ihren Hüllen abgefallen, hinunter auf die braune Erde. Einige hatten ihre schrumplige Hülle mitgenommen, aber auch sie lagen nun auf dem Boden, während die Kastanie hier oben hing und sich nicht zu lösen vermochte. Immer einsamer wurde es an Mutters Arm.
Um den Fall ihrer Kinder weich abzufangen, hatte sie ihre Blätter von sich geworfen und war nun kahl. Die kleine Kastanie beobachtete neugierig, wie immer wieder Tiere und Menschen kamen, sich einige ihrer Schwestern holten und wieder verschwanden.
Sie werden ihnen wohl helfen, eine Mutter zu werden..., mutmaßte sie.
Die Zeit verging und das letzte Kind des Kastanienbaumes wurde immer trauriger. Keiner war mehr da, mit dem sie sich hätte unterhalten können.
Nach einigen Tagen fiel etwas Weißes vom Himmel. Es war weich und glitzerte atemberaubend. Die Kastanie staunte über diese neue Seite der Natur, die sich ihr nun darbot.
Der weiche Regen sammelte sich auf den Armen ihrer Mutter und hüllte auch sie ein wenig ein. Da bemerkte die braune Knolle, dass ihr kalt wurde und sie anfing zu zittern.
So ging es nun tagein, tagaus. Immer weißer wurde die Welt um sie herum und ihre Mutter wirkte lebloser als je zuvor. Sie hatte Angst, dass sie starb, doch noch immer hielt ihre Mutter sie fest.
Bald darauf setzte sich neugierig ein Eichhörnchen neben die Kastanie und fragte: "Was machst du hier, kleines Ding? Solltest du nicht längst auf dem Boden liegen und auf den Frühling warten?"
"Ach...", seufzte sie, "Wie gern wäre ich mit ihnen mitgegangen, aber meine Hülle will mich nicht freigeben."
Mitleidig schaute das Eichhörnchen drein.
"Ich kann dir helfen, wenn du willst.", bot es freundlich an, wohl mit dem Hintergedanken, die Kastanie danach mit zu sich zu nehmen und zu verspeisen, doch das wusste die Knolle nicht.
"Ja gerne!", antwortete diese.
Sogleich huschte das Tier näher zu der Kastanienhülle und besah sich diese. Gerade legte es die Pfoten auf sie, als es sich stach.
"Au!", schrie das Eichhörnchen auf, "Nein, dich berühre ich nimmer mehr!", und eilte davon.
Wieder war die Kastanie allein. Nächte lang fror sie, einsam weinend. In der Ferne konnte sie die bunten Lichter einer Siedlung erkennen, die seit einiger Zeit dort leuchteten.
Immer wieder kamen Kinder in den Wald, um in dem weißen Schnee zu toben, doch ihr schenkte niemand Beachtung.
Betrübt sah sie dem bunten Treiben zu. Weinen konnte sie nicht mehr. Immer und immer wieder besah sie das Schauspiel und beneidete die Kinder dabei. Sie waren nicht allein.
Wieder wurde es dunkel über ihr und erneut blickte sie hinauf zu den Sternen bis es tagte.
Schon hörte sie die aufgeregten Stimmen zweier Personen, sie sich ihr näherten. Es war eine Mutter mit einem freudig strahlenden Kind an ihrer Hand.
Mutter wollte ich auch einmal werden..., erinnerte sich die Kastanie wehmütig.
"Mama, schau mal da!", rief das kleine Mädchen aufgeregt, "Eine Kastanie!"
Erstaunt schaute die Frau in die Richtung, die ihr der Finger ihrer Tochter wies.
"Nanu? Was macht das kleine Kerlchen noch dort?", wunderte sie sich.
"Was denkst du, wollen wir sie mit nach Hause nehmen?"
"Oh ja!", jauchzte das Kind.
Sanft lächelnd löste sich die Mutter der Kleinen von deren Hand und stieg hinauf in die Äste des Baumes, um die Kastanie zu pflücken.
Sie wird sich stechen, genau wie das Eichhörnchen zuvor..., dachte die Knolle traurig.
Doch als die Frau ihre Hülle berührte, wich sie nicht zurück. Ein leises Knacken erfüllte die Luft und schon lag die Kastanie in den Händen des Menschens. Behutsam kletterte sie hinab und gab die braune Knolle ihrer Tochter.
"Vorsichtig, sie stachelt.", warnte die Mutter ihr Kind.
Achtsam nahm es die grüne Hülle zwischen seine Finger und betrachtete die Herbstfrucht.
"Wie schön sie ist!", staunte das Mädchen und lief hüpfend zurück ins Dorf.
Nun war sie glücklich, die kleine Kastanie. Im Frühling war sie herangereift und nun hatte sie endlich die schützenden Arme ihrer Mutter verlassen. Und wozu? Um ein Kind glücklich zu machen. Das war ihre Aufgabe gewesen, von Anfang an.




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