Die starke Cornelia
von gina_pommesfrittina

Die starke Cornelia Verifiziertes Märchen

In einem fernen Land, zwischen dem weitem Meer und den hohen Bergen, lebte eine Familie mit vier Töchtern. Der Vater war ein kunstfertiger Goldschmied, doch nach langen Jahren schlechter Ernten konnten sich die Menschen Goldschmuck nicht mehr leisten und so wurde auch Cornelias Familie mit jedem Jahr ärmer. Bald fürchtete der Vater, seine Frau und Töchter nicht mehr ernähren zu können und kam auf die Idee, sie zu verheiraten. Cornelias älteste Schwester, Marie, war die hübscheste von allen. Ihre Schönheit war im ganzen Dorf und darüber hinaus bekannt und es gab viele Verehrer. Sie freute sich auf einen hübschen jungen Mann und konnte es kaum erwarten, der Armut zu entkommen. Amelia, die zweitälteste, war die klügste, und wie gerne hätte sie in der großen Stadt Medizin, Kunst und Philosophie studiert! Doch das Geld dafür hätte der Vater nicht in zehn Jahren verdient, und so willigte sie widerstrebend ein, dass ihr Vater ihr einen Ehemann suche. Vanessa, die zweitjüngste, war die Bravste und tat stets, was ihr Vater ihr hieß. Noch nie hatte sie Vater oder Mutter widersprochen und auch jetzt wollte sie gehorchen und vertraute ihrem Vater, den richtigen Ehemann zu finden.
Cornelia konnte bei den Vorzügen der Schwestern nicht ganz mithalten, denn weder war sie so schön wie Marie, noch so klug wie Amelia, und schon gar nicht gehorsam wie Vanessa. Im Gegenteil fiel es ihr schwer zu gehorchen, und der Gedanke, einen Fremden zu heiraten, den ihr Vater aussuchen würde, widerstrebte ihr bis ins Mark.
In einem überragte Cornelia jedoch ihre Schwestern. Sie war unglaublich stark – so stark, dass es Vater und Mutter so unheimlich war, dass sie ihr befahlen, es geheim zu halten. Schon als kleines Mädchen konnte sie Baumstämme anheben, die der Vater kein Stück bewegen konnte, die widerspenstigsten Ochsen ziehen, als sie ihrem Onkel auf dem Acker half und zum Spaß den schweren, riesigen Stein herumrollen, der hinterm Haus am Waldrand lag. Heute war sie sogar noch stärker und als neulich Rosmarie, die Stute, unter einer schmerzhaften Kolik litt, hob sie das Pferd mühelos hoch, bis es stehen konnte, um den Schmerz zu lindern.
Obwohl ihr Vater natürlich für die gelegentliche Hilfe dankbar war, gebot er der Familie, niemandem von Cornelias enormer Kraft zu erzählen. Was würden die Leute denken, wenn sie wüssten, dass das Mädchen stärker als sein Vater und alle Männer im Dorf war? Bei einem Sohn wäre er stolz gewesen, aber eine Tochter, die ganze Baumstämme heben konnte? Und ein Pferd?? Das ziemte sich einfach nicht, und wie in aller Welt sollte sie so einen Ehemann finden? Also verbot er ihr ein für alle Mal, ihre Kraft einzusetzen oder gar anderen Leuten vorzuführen. Doch Cornelia war eines dieser Mädchen, die nur das befolgten, was sie auch selbst guthießen, auch wenn es ihr Vater, wie er selbst immer wieder beteuerte, noch so gut mit ihr meinte. Sie hatte schon immer ihren eigenen Kopf gehabt und manchmal stellte sie sogar mit Absicht ihre Kräfte unter Beweis, wenn sie mit ihrer Mutter ins Dorf zum Einkaufen ging und zum Beispiel eine riesige Kartoffelkiste im Weg stand.
Ihre Mutter lächelte meist darüber, sie war stolz auf ihr kleines, starkes Mädchen. Doch sie wagte es nicht, dem Vater zu widersprechen.
Eines Nachmittags, nachdem sie mit ihren Freundinnen am Waldrand stundenlang Fangen, Verstecken und viele andere lustige Spiele gespielt hatte, hopste Cornelia, immer noch ins Spiel vertieft, vergnügt auf der Straße, die zurück ins Dorf führte, als sie plötzlich Lärm hinter sich hörte. Sie blieb stehen und drehte sich um. Noch konnte man nichts erkennen, doch der Lärm wurde lauter. Cornelia wiegte nachdenklich den Kopf zur Seite und hob sich die Hand über die Augen, um besser gegen die Sonne zu sehen. Dann endlich erkannte sie eine große Staubwolke, aus der eine Kutsche herausfuhr. Einen kurzen Moment lang staunte sie über den Glanz der Kutsche, die wahrhaft königlich aussah, und die vier prächtigen, stolzen Schimmel, die sie zogen. Doch dann fiel ihr auf, dass etwas nicht stimmte. Die Pferde liefen viel zu schnell und der Lärm, der ihr vorhin aufgefallen war, waren das Angstgeschrei der Fahrgäste und die panischen Befehle des Kutschers an die Pferde, die hoffnungslos durchgegangen waren.
Erschrocken starrte Cornelia auf die Szene, die jede Sekunde zu einem katastrophalen Unfall werden konnte. Und nur sie konnte helfen. Das Mädchen wusste, würden die Pferde so weiterlaufen, würden sie unweigerlich über die großen Baumstämme stürzen, die der Waldpächter gestern gefällt und noch nicht aufgeladen hatte. Fieberhaft überlegte sie, was sie tun konnte, während die Kutsche in wilder Fahrt immer näherkam. Und schließlich, als die Kutsche fast bei ihr war, handelte sie beherzt. Sie rannte auf die Pferde zu, griff in die Mähne des ersten Tieres und zog sich auf seinen Rücken hoch. „BRRRRRRR!!! RUUUUHIG!!“ rief sie den Pferden zu und zog an ihrem Geschirr. Hinter sich hörte sie den Kutscher halb verblüfft, halb ärgerlich aufschreien, doch sie ignorierte ihn und konzentrierte sich auf die Pferde. Die Zügel der beiden vorderen Pferde fest in den Händen haltend, sprach sie immer wieder beruhigend auf alle vier Tiere ein, und endlich, endlich kamen sie zum Stehen. Einen Moment lang blieb sie zitternd vor Aufregung sitzen, streichelte die vor Erschöpfung schnaubenden Tiere und lobte sie für das schnelle Anhalten.
Auf einmal wunderte sie sich, dass es hinter ihr so still war, nachdem der Kutscher die ganze Zeit geschrien hatte. Sie schwang sich schnell vom Pferderücken und als sie sah, was geschehen war, lief es ihr kalt den Rücken hinunter. Durch den wilden Ritt war die Achse gebrochen und die Kutsche lag einige hundert Meter zurück umgestürzt auf der Seite. Während des Rettungsmanövers hatte sie überhaupt nicht bemerkt, dass die Kutsche sich vom Pferdegeschirr gelöst hatte.
Ein paar Sekunden lang war Cornelia wie gelähmt, doch dann lief sie los. Auf halbem Weg lag der Kutscher und hielt sich stöhnend das Bein. Sie hielt kurz an, doch er winkte ab und sagte: „Nur das Bein...bitte hol Hilfe, Kind! Die Leute in der Kutsche...das ist das Königspaar!”
Schwer atmend nickte Cornelia und rannte weiter auf die umgestürzte Kutsche zu, ungeachtet der Rufe des Kutschers: „Nein, du kannst das nicht alleine, Mädchen, hol Hilfe!“ Erst jetzt hörte sie die Frau schreien, die unter der Kutsche eingeklemmt war. Die Königin! Der König selbst und zwei Diener versuchten verzweifelt, die Kutsche anzuheben, während die Verletzte ohnmächtig zu werden drohte.
Die Männer waren so bei der Sache, dass sie Cornelia erst bemerkten, als sie neben ihnen stand und ihre Hände unter das Kutschendach schob. Ungläubig starrten sie sie an. „Kind, was in aller Welt?“ keuchte der König, doch sie grüßte ihn nur kurz. „Mein König, verzeiht, lasst es mich versuchen.“ In einer weniger bedrohlichen Situation hätten die Männer wohl gelacht, doch jetzt wirkten sie fast ärgerlich. Doch Cornelia begann, mit aller Kraft an der Kutsche zu ziehen und es gelang. Der Einwand des Königs „Um Gottes Willen, Mädchen, du kannst doch nicht...“ wich ungläubigem Staunen, als Cornelia die Kutsche weit genug angehoben hatte, dass die Diener die Königin darunter hervorziehen konnten. Erleichtert atmete das Mädchen auf, ließ die Kutsche wieder zu Boden und blickte auf die vor Schock und Schmerz schluchzende Königin, die vom König getröstet wurde. Schließlich drehte er sich zu ihr um.
„Ich … ich weiß nicht“, begann er, vor Schreck stotternd, „ich weiß nicht, wie in aller Welt...aber ich danke dir, mein Kind, ich danke dir tausendmal!“
Cornelia lächelte und knickste kurz. „Ich hoffe, es geht der Frau Königin bald wieder gut, Majestät.“ Der König lächelte nun auch, allerdings war ihm die Sorge und Angst noch ins Gesicht geschrieben. Das Mädchen zeigte in Richtung des Kutschers, der in einiger Entfernung halb aufgerichtet auf dem Boden saß und sich das Bein hielt. Nicht weit von ihm sah sie die wunderschönen weißen Pferde, die jetzt friedlich auf der Lichtung grasten. „Aber der Kutscher ist verletzt.“
Der König nickte und drehte sich kurz beiseite. „Hol einen Arzt und zwei Tragen, schnell!“ sagte er zu einem der Diener. „Nimm dir zwei der Pferde!“ Der Diener nickte und rannte los. Cornelia konnte erkennen, dass der König vor Sorge und Schreck den Tränen nahe war, doch er umfasste sanft mit seinen Händen ihre Schultern und sagte ernst: „Ich verspreche dir, dafür sollst du so belohnt werden, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst. Und in ein paar Jahren suche ich dir einen Edelmann, der dir einen guten Gatten abgeben wird. Nachdem meine Frau versorgt ist, werde ich noch heute mit deinem Vater sprechen.“
Und tatsächlich suchte der König höchstpersönlich noch am selben Abend ihr Haus auf, was Cornelias Vater verblüffte, der vermutet hatte, das Mädchen habe nur angeben wollen und eine Geschichte erfunden, als sie ihm von den Geschehnissen erzählt hatte. Was sollte der König auch so weit weg vom Schloss in ihrem abgelegenen Dorf und der armseligen Hütte?
Wie erschrocken und überrascht war er, als dann der König in feinstem Gewand mit einem Diener am Abend vor der Tür stand! Tief verbeugte sich der Vater und winkte den König ehrerbietig zum besten Stuhl: „Eure Majestät! Welche Ehre! Ich...äh...bitte, nehmt doch Platz!“ Auch die Mutter und die anderen Mädchen waren aufgesprungen, knicksten tief und konnten es kaum fassen.
Nach einem warmen Kräutertee und selbstgebackenen Keksen, die die Mutter dem König serviert hatte, sagte dieser schließlich: „Goldschmied, deine Tochter hat mir heute einen unbezahlbaren Dienst erwiesen.“ Und er erzählte genau, was geschehen war und was ihm der Kutscher berichtet hatte, von den durchgegangenen Pferden, die sich durch einen Hornissenstich erschreckt hatten, von der tapferen Reiterin, die sich verwegen auf die rasenden Pferde geschwungen hatte und von dem unglaublichen Kraftakt beim Anheben der Kutsche. Schließlich endete er seine Erzählung mit einem Bericht zu seiner Frau, und Cornelia freute sich, dass die Königin und auch der Kutscher gut verarztet waren und es beiden schon viel besser ging. „Ich konnte es nicht glauben, Goldschmied, aber deine Tochter hat das Leben meiner Frau – und vielleicht von uns allen gerettet! Dass kann ich ihr niemals zurückzahlen. Aber lass‘ es mich versuchen.“
Der König wandte sich Cornelia zu. „Was wünschst du dir, mein Kind? Schöne Kleider, Schmuck und in ein paar Jahren einen tapferen, kräftigen Ehemann?“ Cornelia zuckte mit den Schultern. „Majestät, ich bin froh, dass es der Frau Königin wieder gut geht, ich hab es gern getan. Meine Kleider sind noch gut genug, Schmuck kann ich selbst herstellen, habe ich doch meinem Vater so oft beim Goldschmieden geholfen, und einen Ehemann möchte ich auch noch nicht. Tapfer und kräftig bin ich ja selber!“ Sie überlegte kurz. „Aber wenn Ihr mir eine Freude machen wollt, Majestät…“
Der König lächelte und blickte sie aufmunternd an. „ Wenn nur mein Vater genug Aufträge hätte“, fuhr Cornelia fort, „würde es uns allen besser gehen und er müsste uns nicht gegen unseren Willen verheiraten, so wie er es jetzt vorhat.“
„Du wagst es...!“ zischte der Vater mit wutrotem Gesicht und hob die Faust, doch der König winkte ab und sah ihn streng an. „So lohnst du es deiner Tochter, die gerade so eine tapfere Tat vollbracht hat? Schäm dich, Goldschmied!“ Er wandte sich wieder Cornelia zu. „Aber wollen nicht alle Mädchen heiraten? Was willst du denn sonst tun, mein Kind?“
Cornelia musste nicht lange nachdenken. Sie hatte das Goldschmieden schon immer geliebt, doch ihr Vater hatte ihr stets gesagt, es sei unmöglich für ein Mädchen. Sie hatte noch nie eine Frau als Goldschmied gesehen. Es konnte doch nicht...sollte es doch möglich sein?“
„Ich möchte Goldschmiedin werden!“ sagte sie entschlossen und erschrak etwas vor sich selbst, weil es so bestimmt und fordernd klang. Der König lächelte und sah sie lange und nachdenklich an. Schließlich nickte er und schlug mit der Hand auf den Tisch. „Gut! Dann soll es so sein. Ich werde dafür sorgen, dass du bei einem der besten Goldschmiede des Landes in die Lehre gehen und in ein paar Jahren deine eigene Werkstatt eröffnen kannst. Aufträge wirst du genug bekommen, direkt vom Königshaus, als königliche Goldschmiedin. Und ..“, er grinste verschmitzt, „würdest du sagen, dass auch dein Vater ein guter Goldschmied ist, wenn auch nicht sehr umgänglich?“ Cornelia lachte. „Oh, das ist er, Majestät! Zumindest ein guter Goldschmied!“
„Dann will ich auch ihm Aufträge des Königshauses garantieren, und euch allen noch eine kleine Unterstützung, damit auch deine Schwestern nicht heiraten müssen, wenn sie nicht möchten!“ Glänzende Juwelen lagen auf dem Tisch, und der Vater traute seinen Augen kaum. Er, die Mutter und Schwestern schwiegen und konnten kaum atmen, so unerwartet kam der glückliche Geldsegen. „Ich danke euch von ganzem Herzen, Majestät!“ Überglücklich fiel Cornelia dem König in die Arme und erschrak über ihren eigenen Übermut. Doch der König lachte und nahm höflich die Dankesbezeugungen des Vaters und der ganzen Familie entgegen.
Und nur wenige Monate später trat Cornelia bei einem der besten Goldschmiede in der großen Stadt ihre Lehre an. Sie lernte, Ringe zu schmieden, wunderschöne Halsketten, Schwertverzierungen, Juweleneinfassungen anzufertigen, sogar filigrane Goldverzierungen auf Möbelstücken. Nach einem Jahr wechselte sie zum nächsten Goldschmied, wo sie ihre Fingerfertigkeit noch verbesserte, und alle lobten sie für ihr Geschick. Für zierliche Frauenhände war es sogar noch einfacher, die filigransten Verzierungen zu fertigen. Und dann, nach drei Jahren, eröffnete sie stolz ihre eigene Werkstatt als erste königliche Goldschmiedin. Auch ihr Vater hatte sein Glück gemacht und verdiente gut mit regelmäßigen Aufträgen. Von ihren Schwestern hatte nur Marie geheiratet, einen jungen Mann aus dem Dorf, den sie schon lange im Auge gehabt hatte und mit dem sie nun glücklich zusammenlebte. Sie sollten später 4 Kinder bekommen. Amelia studierte in der großen Stadt Medizin, Kunst und Philosophie und unterrichtete später an der Universität. Und Vanessa hatte gelernt, dass es manchmal besser ist, nicht zu gehorchen, um das eigene Glück zu finden und hatte ihre Leidenschaft für das Schneidern entdeckt. Jetzt fertigte sie die schönsten Kleider für die Damen des Hofes an und genoss das bunte und spannende Leben am Hofe. Ihre Mutter, die sich bald hervorragend mit der Geschäftsführung auskannte, lebte nun bei Cornelia und betrieb mit ihr zusammen die Werkstatt. Denn auch wenn der Vater nun reich war, hatte er nichts dazugelernt und war noch immer herrschsüchtig und bestimmend – und allein. Vielleicht würde auch er sich eines Tages ändern.
Doch Cornelia, ihre Mutter Marita und ihre Schwestern lebten glücklich und zufrieden und trafen sich jedes Jahr im Sommer und tranken auf das Königspaar.




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schrieb am 30.08.2018:

Ich bin ein Idiot und lief auf geradem Wege in einen Honeypot!



benedict_medien schrieb am 18.07.2018:

Schönes Märchen!



computerfee schrieb am 31.03.2018:

Starkes Märchen!



cookieeule schrieb am 12.02.2018:

Die Geschichte ist super! Ich finde sie sehr schön geschrieben. Du hast echtes Talent - bleib dran! LG



gina_pommesfrittina schrieb am 02.02.2018:

Dankeschön, auctrixmundi! <3



auctrixmundi schrieb am 29.01.2018:

Hallo, ein sehr schönes Märchen mit einer tollen Aussage! Daumen hoch dafür <3 lg Auctrix



schrieb am 27.01.2018:

Ich bin ein Idiot und lief auf geradem Wege in einen Honeypot!



gina_pommesfrittina schrieb am 21.01.2018:

Vielen Dank für die Punkte und die Kommentare, das ist super nett von euch!! :) Ich freue mich, wenn es euch gefällt.



doktor_morguse schrieb am 21.01.2018:

Ein tolles Märchen ! Danke



regularytoby Verifiziertes Märchen schrieb am 19.01.2018:

Bezauberndes Märchen!



marmeladenoma Verifiziertes Märchen schrieb am 19.01.2018:

Ein wirklich sehr gelungenes Märchen! :)